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09.02.1962 / Meldungs-Nr.: AHI0224 / Ressort: KI (KI) Seite $page.NUMBER / $page.COUNT      

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k 53 drimmel-karajan 1 wien, 9.2.(apa) die in periodischen abständen veranstaltete =

 
k 53
drimmel-karajan 1
wien, 9.2.(apa) die in periodischen abständen veranstaltete
pressekonferenz des unterrichtsministers dr. drimmel,
deren termin schon vor etwa zwei wochen festgesetzt war, stand
heute naturgemäss im zeichen der karajan-krise.
gleich zu beginn gab minister drimmel folgende erklärung
ab:
"der unmittelbare anlass für den rücktritt, den
sie kennen, ist nicht der tiefste grund dieses ereignisses.
würde man den kompetenztatbestand von rechts wegen untersuchen,
dann würde die bundestheaterverwaltung recht bekommen.
vertrag und dienstesinstruktion sind nicht verletzt worden.
der streit geht um ein tieferes problem:
herr von karajan lehnte die struktur der bundestheater ab.
was er wollte war die amanzipierung der staatsoper. diese
empanzipierung hat karajan nicht einfach aus prestigegründen
oder aus reinem machtstreben gewollt.
so wie er und ernst marboe - der einmal mein freund
gewesen ist - im jahre 1956 das 3-er kombinat wien-mailand-salzburg
geplant und zum teil in die tat umgesetzt
haben, so wollte herbert von karajan ein halbes jahrzehnt
später das netz dieses kombinates weiter und auf einer noch
höheren ebene spannen: als eine verbindung der 4 oder 5
bedeutendsten opernhäuser in europa, england und usa. herbert
von karajan erwartete sich davon die wahrung des einzigartigen
prestiges der wiener staatsoper, den schutz vor der mittelmässigkeit.
herr von karajan hat es stets abgelehnt, direktor
zu sein. als künstlerischer leiter hatte er den anspruch
auf die ganze freiheit des künstlerischecn schaffens und diese
freiheit habe ich ihm gewährt - gleichgültig ob es
den feinden des meisters gepasst hat oder nicht.
damals riefen sie die bürokratie zu hilfe, um ihren
heckenschützenkrieg gegen karajan zu führen - heute gebrauchen
sie dieselbe bürokratie als sündenbock für das ergebnis ihrer
zermürbungstaktik, die sie an karajan geübt haben.
um der jahrelangen, konsequenten kritik gerecht zu werden,
hätte man den künstler karajan in zwei elemente aufteilen
müssen: in den operndirigenten, dem ma ja haben wollte,
und in den leiter und regisseur, der oft der kritik ausgesetzt
war und den man oft ablehnte.
ich habe den menschen karajan - so wie er war - mit allen
vorzügen und mängeln bejaht und als einen grossen besitz des
landes geachtet. er hat für alles einen köstlichen preis
gezahlt: die triumphe der opernkunst, die unwiederholbar sind
und unvergessen.
ich sage heute wie stets zuvor: volle freiheit des künstlerischen
schaffens für den künstlerischen leiter der staatsoper.,
für jeden, auch für karajan, wenn er zurückkäme.
emanzipierung der staatsoper für eine völlig neue existenz,
etwa in einer weltweiten konstellation - nein.
nein- weil diese konstellation kein unterrichtsminister der
republik österreich bejahen dürfte.
keinen minister und keiner regierung stünde es zu, aus
der wiener staatsoper das glied eines weltweiten kombinates zu
machen. hier sind wir an einer äussersten existenzfrage angelangt.
es geht um die frage des geistigen wurzelbodens der
staatsoper und der ist wien, österreich und eine musikalität,
die hier zu hause ist und den schwerpunkt hat.- und nun eine
nüchterne überlegung:
was das haus nach einer stürmischen entwicklung zu steiler
höhe braucht, ist der direktor - den es seit 1955 nicht mehr
gegeben hat. diesen direktor gilt es zu suchen. und ich werde
es zu vermeiden trachten, dass dafür, so wie im jahre
1956 viele monate verstreichen und ein jahr ohne direktor
eingeschaltet wird, das dem haus nicht gut bekommen würde.
daher keine diadochenkämpfe, keine kaiserlose, schreckliche
zeit. ein neuer direktor würde ein neues verhältnis zu karajan
suchen und finden müssen.
ich denke oft an karl böhm. zweimal musste er die
direktion abgeben- aber die direktion und ihr prestige zählten
ihm nicht halb so viel wie das haus - aus dem er immer wieder der
treue sohn geblieben ist.
als ich ihn als direktor verabschiedete - habe ich ihn
als freund fürs leben gewonnen.
karajan schied von mir nicht im groll - hier sein brief,
der seiner würdig ist.
ich grüsse in dieser stunde den grossen einsamen- der er
auch hier inmitten rauschender erfolge gewesen ist - und gestatte
auch in dieser stunde keiner niedrigen verdächtigung, dass
sie sich zwischen uns dränge.
was herbert von karajan nach wien rufen und bringen könnte,
das ist kein ministerliches wort - ich habe es ihm oft in
schweren krisen gegeben und gehalten. es wäre ein auftrag,
eine herausforderung für eine neue idee. ich weiss nicht,
ob herbert von karajan einen solchen ruf verspürt. sein platz
ist leer, nicht weil wir es gewollt haben. solange
dieser platz leer ist - ist er auch für herbert von karajan
leer. (forts.)+zl+ 1127 +

 

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