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14.03.1964 / Meldungs-Nr.: AHI0081 / Ressort: Chronik&Kultur (CI) Seite $page.NUMBER / $page.COUNT      

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b 1 frankfurt /main 14.3. (ap) - es war ein literarischer jux, eine parodie auf die flut der populärarchäologischen =

 
b 1
frankfurt /main 14.3. (ap) - es war ein literarischer
jux, eine parodie auf die flut der populärarchäologischen
bestseller - und eine ganze reihe von ernst haften
rezensenten, lesern und verlagen fielen auf diesen jux hinein:
auf hans traxlers "die wahrheit über hänsel und gretel",
ein buch, das im untertitel, eine "dokumentation des
märchens der brüder grimm " versprach. als das buch im
herbst vorigen jahres - sinnigerweise" zum hundertsten todestag
jacob grimms - im härmeier und nikel verlag in frankfurt/main
erschien erschien, trug es eine aufreizende banderole:
"bestseller in den usa - in sechs wochen 180.000
exemplare verkauft" und lobende besprechungs-zitate des
"boston mirror" und des "new york telegram" -
nur , dass es diese zeitungen nicht gibt.
am mittwochabend trug der autor, hans traxler, im
zweiten deutschen fernsehen zur wahrheitsfindung über " die
wahrheit über hänsel und gretel" bei und erklärte schlicht
und schmunzenlnd, dass an seiner "dokumentation" kein wort
wahr und das buch nur ein literarischer jux sei. von da
an konnte sich der verlag der tetefonanrufe und briefe
kaum erwehren: empörte leser und rezensenten protestierten,
amüsierte bedankten sich auf tagebücher eines aschaffenburger
studienrates georg osseg, der auf dem engelsberg
im spessart die fundamente des historischen hexenhauses, ein
skelett, einhandgeschriebenes lebkuchenezept und backgerät
aus dem 17. jahrhundert findet. seine nachforschungen führen
studienrat ossegg in den harz, wo er in einer bibliothek
ein hexenverhörprotokoll entdeckt, die "werniger oder
handschrif", in der eine hexe namens katharina schrader
von einem nürnberger zuckerbächer beschuldigt wird, vermittels
teufelsbackwerks harmlose waldwanderer in ihre hütte
zu locken. als sie auch unter der folter nicht gesteht,
die "curiösen kuchen" gebacken zu haben, die "gotteslästerliche
träum und viehische begierden" hervorrufen,
wird sie von einem gewissen hans und seiner schwester grete
in ihrer hexenbude im wald überfallen, erwürgt und in den
ofen geworfen. diese schilderung wird in dem buch mit dokumentarischen
fotos, zeichnungen und alten stichen ernsthaft belegt.
wie der frankfurter verlag am freitag wissen liess,
hatte die "wahrheit über hänsel und gretel" - neben den
ernsthaften rezensionen - ungeahnte folgen: eine studienrätin
eines frankfurter mädchengymnasiuma wollte mit ihrer
klasse die ruinen des hexenhauses aufsuchen und bat um
präzise ortsangaben, das kulturamt einer grossen stadt im
ruhrgebiet lud den "forscher" zu einem vortrag über
seine ausgrabungen ein, kindergärtnerinnen baten um rat,
weil sie nicht mehr wussten, wie sie das märchen erzählen
sollten, und der direktor des brüder-grimm-museuma in kassel
meinte, das buch gehe zu weit und müsse eingestampft werden.
dia ostberliner "bz am abend" schliesslich liess
es sich nicht nehmen, mit klassenkämpferischem ernst unter
der schlagzeile "hänsel und gretel - ein mörderpaar?"
über diesen "kriminalfall des frühkapitalismus" zu berichten -
auch sie hatte übersehen, dass das buch in dem
gleichen verlag erschien, der die satirische wochenzeitschrift
"pardon" herausbringt. (schluss) ch 0040+

 
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