Dossiers aus  Innenpolitik  Aussenpolitik  Wirtschaft  Sport  Chronik&Kultur  Kurioses  Alle Dossiers Suche

Das Wiener Burgtheater


 Druckversion  
Aufführung von König Ottokars Glück und Ende nach der Wiedereröffnung des ...
© APA-IMAGES/ORF Fernseharchiv/Schikola
Vollansicht
Attila Hörbiger und Liselotte Schreiner, 1955.
© APA-IMAGES/ORF Fernseharchiv/Schikola
Vollansicht
Szenenbild aus König Ottokars Glück und Ende.
© APA-IMAGES/ORF Fernseharchiv/Schikola
Vollansicht
Oskar Werner und Hilde Mikulicz in Don Carlos im November 1955.
© APA-IMAGES/ORF Fernseharchiv/Schikola
Vollansicht
Der österreichische Kammerschauspieler Ewald Balser, undatierte Aufnahme.
© APA-IMAGES/IMAGNO
Vollansicht

Das Wiener Burgtheater gehört zu den ältesten und traditionsreichsten Sprechtheaterbühnen der Welt. Als "Theater nächst der Burg" wurde das bereits seit 1748 bespielte ehemalige Ballhaus neben der Hofburg am 23. März 1776 von Joseph II. per Dekret als "Teutsches Nationaltheater" unter die Administration des Hofes gestellt. Das heutige Burgtheatergebäude entstand nach Plänen von Karl Hasenauer und Gottfried Semper als einer der letzten großen Ringstraßenbauten in den Jahren 1874-1888. Während der letzten Kriegstage 1945 wurde das Theater durch eine Bombenexplosion und einen Brand schwer beschädigt. Der Zuschauerraum wurde dabei zerstört, die Feststiegen mit Deckenmalerei blieben weitgehend erhalten. Der Wiederaufbau unter Leitung des Architekten Michael Engelhart kostete 114 Millionen Schilling und wurde 1955 abgeschlossen. "Die österreichische Bevölkerung betrachtet die Wiedereröffnung vom Burgtheater und der Staatsoper als Beendigung der Ära des Wiederaufbaus", erklärte Bundeskanzler Julius Raab damals.

DIE WIEDERERÖFFNUNG DES BURGTHEATERS 1955

Am 14. Oktober 1955 wurde das Burgtheater in einem feierlichen Staatsakt wiedereröffnet. Dem Rahmen entsprechend fielen die Reden aus. Direktor Adolf Rott betonte die über Wien hinaus gehende Bedeutung seines Hauses: "Warum lebt dieses Theater mehr denn alles andere? Ich glaube, ich habe die Lösung gefunden: Dieses Theater war nie eine Angelegenheit von ein paar wenigen Leuten, sondern dieses Theater ist wirklich aus dem Herzen Wiens, aus dem Herzen Österreichs und aus dem Herzen Europas gewachsen." Der Bundesminister für Handel und Wiederaufbau, Udo Illig, widmete sich der technischen Seite: "Es ist ein neues, vielfach anders gestaltetes Burgtheater, wohl eingefügt in den gegebenen Baukörper von 1888, aber den Notwendigkeiten der Technik von 1955 Rechnung tragend und auch dem geänderten Kunstempfinden unserer Zeit."

Einen Tag nach dem feierlichen Staatsakt fand die erste Vorstellung im wiedereröffneten Haus statt: Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende" mit Ewald Balser als Ottokar und Attila Hörbiger als Rudolf von Habsburg. Unter den Ehrengästen befanden sich Bundespräsident Theodor Körner, Bundeskanzler Julius Raab und Vizekanzler Adolf Schärf. Die Eröffnungsvorstellung wurde vom Fernsehen in Österreich sowie nach Deutschland und in die Schweiz übertragen.

DAS BURGTHEATER UND SEINE DIREKTOREN

In Rotts Direktionszeit (1954-59) fiel die Wiedereröffnung des Hauses am Ring. Er setzte die damals hochmoderne Bühnentechnik perfekt für turbulente Inszenierungen ein. Der neue Spielplan des Burgtheaters enthielt von den Nationalsozialisten verbotene Schriftsteller ebenso wie den jungen österreichischen Dramatiker Fritz Hochwälder und die Klassiker. Rott setzte sich für den europäischen Kulturaustausch auf dem Gebiete des Theaters ein.

Ernst Haeusserman (1959-68) verpflichtete bedeutende Regisseure ans Burgtheater und profilierte den Spielplan durch die Gliederung in Zyklen. Um eine Stagnation zu verhindern, bemühte er sich um Neuengagements mit dem Ziel der Etablierung eines Ensembletheaters. 60 Neuengagements zur Generationsablöse ermöglichten 1968 eine dreimonatige Welttournee des Burgtheaters, die das Ensemble u.a. in die USA, Japan und nach Israel führte. Die Aufführung von Lessings "Nathan der Weise" in Jerusalem stellte dabei einen Höhepunkt dar.

Es folgte der Schauspieler-Direktor Paul Hoffmann (1968-71), der sich dafür aussprach, die Aufführung der klassischen Werke auf die Zeit zu beziehen und somit die Gesellschaftskritik hervorzuheben. Er gewann Heinz Reincke und Klaus-Jürgen Wussow für das Ensemble.

Zu Beginn von Gerhard Klingenbergs (1971-76) Tätigkeit als Burgtheaterdirektor traten im Oktober 1971 die Richtlinien für eine Ensemblevertretung des Burgtheaters in Kraft, womit das Ensemble erstmals ein Mitspracherecht zu Reformvorschlägen bei Besetzungen und der Spielplangestaltung hatte. Klingenberg versuchte das Burgtheater mehr für das zeitgenössische Theater zu öffnen. Er setzte sich zudem zum Ziel, die deutsche Sprache zum Träger einer spezifisch österreichischen Theaterkultur zu machen. 1971 ließ Klingenberg das Publikum nach seinen Wünschen befragen. 13.331 Fragebögen kamen zurück. 49 Prozent beurteilten die Vorstellungen mit "Sehr Gut", 31 Prozent vergaben ein "Gut". Unter den Wünschen fanden sich u.a. der Ruf nach internationalen Gästen oder nach Aufhebung des traditionellen Vorhangverbots. Klingenberg schuf als erste Konsequenz unterschiedliche Abonnement-Kategorien mit differenzierterem Angebot (klassische, gemischte und moderne "Kost"). Die sechs Monate dauernde 200-Jahr-Feier des Burgtheaters im Jahr 1976 startete mit Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende" (Inszenierung: Gerhard Klingenberg) und Becketts "Endspiel" (Inszenierung: Erwin Axer) am Akademietheater.

Achim Benning, der erste Ensemblevertreter an der Spitze des Burgtheaters, bekannte sich während seiner Direktionszeit (1976-86) mit zirka 50 Stücken pro Spielzeit zum Repertoiretheater. Im Mai 1978 warfen der freiheitliche Parteiobmann Friedrich Peter und der Obmann der Wiener Volkspartei, Erhard Busek, Benning Linkslastigkeit und Verschwendung vor. Der Theaterdirektor entkräftete die Vorwürfe durch Veröffentlichung von Statistiken, entschuldigte sich aber wegen der geringen Klassikerdichte aufgrund einer gewissen Klassikermüdigkeit. In der nächsten Saison wurden bereits Lücken im Klassikerrepertoire aufgefüllt und gleichzeitig wichtige Ur- und Erstaufführungen eingebracht. Benning war maßgeblich an der Gründung der Ensemblevertretung des Burgtheaters beteiligt und initiierte zahlreiche Auslandsgastspiele. Einen Höhepunkt stellte dabei das Gastspiel am ehrwürdigen Kabuki-Theater in Tokio dar, wo erstmals eine ausländische Fahne wehte. Unter Benning wurde schließlich im Jahr 1983 das sogenannte Vorhangverbot aufgehoben. Nach diesem fast 200 Jahre lang befolgten, ungeschriebenen Gesetz, das auf eine polizeiliche Theaterordnung von 1798 zurückging, durften einem Hervorruf vor den Vorhang nur Gäste, nicht aber Ensemblemitglieder folgen.

Auf Benning folgte Claus Peymann (1986-99). Er konnte durch Änderung des Abonnementsystems und Neustaffelung der Eintrittspreise neue, jüngere Publikumsschichten für das Burgtheater gewinnen. Er war aber auch Auslöser und Mittelpunkt zahlreicher politischer Kontroversen. Seit 1999 steht das Theater unter Leitung von Klaus Bachler.

© APA - Austria Presse Agentur / Laimgrubengasse 10, 1060 Wien
08.11.1980: Eröffnung der neuen Reichsbrücke » 09.11.1985: Gary Kasparow wird jüngster Schachweltmeister » 10.11.1958: Max Frisch erhält Georg-Büchner-Preis »