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Das Atomkraftwerk Zwentendorf


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Das AKW Zwentendorf, aufgenommen am 5. November 1978.
© APA-IMAGES/ORF Fernseharchiv/Kern
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Ein Wahlplakat für die Volksabstimmung von 1978, welches sich für das AKW ...
© APA-IMAGES/ORF Fernseharchiv/Kern
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Ebenso vertreten im Straßenbild: Plakate gegen Zwentendorf.
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Die knappe Mehrheit entschied sich gegen die Inbetriebnahme - das AKW steh ...
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Das sogenannte Brennstabwechsel- und Lagerbecken im AKW Zwentendorf. Von d ...
© APA-IMAGES/APA/P. A. Wilhelmer
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Die Schaltzentrale.
© APA-IMAGES/APA/Herbert Pfarrhofer
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Impressionen aus dem Inneren des Atomkraftwerks.
© APA-IMAGES/APA/Herbert Pfarrhofer
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Während in anderen europäischen Staaten wie Deutschland oder Schweden seit Jahren über den Ausstieg aus der Atomenergie debattiert wird, hat sich Österreich bereits vor mehr als 25 Jahren entschieden: Der österreichischen Atomwirtschaft wurde 1978 durch die erste Volksabstimmung in der Zweiten Republik ein Ende bereitet. Das Atomkraftwerk (AKW) Zwentendorf ist weltweit das einzige fertig gestellte Atomkraftwerk, das niemals in Betrieb genommen wurde.

KONTROVERSE UM DEN BAU VON ZWENTENDORF VOR DER VOLKSABSTIMMUNG

In den späten Sechzigerjahren fiel in Österreich die Entscheidung zum Start eines Nuklearprogramms. Im August 1969 verabschiedete der Nationalrat einstimmig das Strahlenschutzgesetz. Am 8. März 1972 wurden im Zuge des nach dem Strahlenschutzgesetz erforderlichen Genehmigungsverfahrens die Grundkonzeption und der Standort eines Atomkraftwerkes in Zwentendorf rund 30 Kilometer donauaufwärts von Wien gebilligt. Dieser Siedewasserreaktor mit einer Leistung von 700 Megawatt sollte zehn Prozent der österreichischen Stromproduktion abdecken.

Atomkraft im Allgemeinen und die Inbetriebnahme von Zwentendorf im Besonderen wurden zu einem heißen politischen Thema. Es kam zu den Protesten von Umweltschutzorganisationen, u.a. der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung von Umweltschutz (ÖGEFU), der Initiative Österreichischer Atomkraftgegner sowie der Katastrophenhilfe Österreichischer Frauen (KÖF). Die kleine, aber wachsende Anti-AKW-Bewegung konzentrierte sich auf die Verhinderung dieses Atomkraftwerkes. In Wien und in Tulln wurden Demonstrationen veranstaltet, an denen bis zu 4.000 Personen teilnahmen. Die Anti-AKW-Bewegung ist auch eine der wichtigsten Wurzeln für die aufkommende Grün-Bewegung, die 1986 erstmals den Einzug in den Nationalrat schaffte.

Die österreichische Bevölkerung war in der Frage der Atomnutzung jedoch gespalten. Laut Umfragen sprach sich rund die Hälfte der Befragten für, die andere gegen die Nutzung von Atomenergie aus.

Im Oktober 1976 startete die SPÖ-Alleinregierung eine halbjährige Atominformationskampagne. In der SPÖ dominierten die Atombefürworter. Bundeskanzler Bruno Kreisky, Vizekanzler Hannes Androsch, Handelsminister Josef Staribacher und ÖGB-Präsident Anton Benya befürworteten die friedliche Nutzung der Kernenergie. Die Atomenergiebefürworter argumentierten, Atomstrom sei günstiger und würde die Abhängigkeit vom Ausland verringern. Am 7. Juli 1977 entschied sich der SPÖ-Vorstand mit einem prinzipiellen "Ja" für die Kernkraft, wenn das Problem der Atommülllagerung gelöst sei. In Österreich fand sich jedoch keine Gemeinde dazu bereit, Atommüll zu lagern. Es mussten ausländische Lagerungsplätze gefunden werden.

Die Regierung gab die Entscheidung an den Nationalrat weiter. Am 18. Jänner 1978 wurden die ersten acht von insgesamt 484 Uran- Brennstäben mit Hubschraubern des Bundesheers in das AKW eingeflogen. Das Kraftwerksgelände selbst war von starken Polizeikräften abgeriegelt. VP-Klubobmann Alois Mock kritisierte dieses Vorgehen vor der Behandlung des Atomberichts im Parlament als grobe Missachtung der Volksvertretung.

Die Regierung übermittelte einen positiven Bericht über die Kernenergie an das Parlament. In den darauf folgenden parlamentarischen Hearings wurden einige Sicherheitsdefizite des Standortes und der Konstruktion von Zwentendorf von den AKW- Gegnern aufgedeckt. Die ÖVP sprach sich zwar für die Atomkraft aus, vertrat jedoch die Ansicht, dass vor der Inbetriebnahme des AKWs noch Sicherheitsfragen geklärt werden müssten. Die FPÖ stand Atomenergie kritisch gegenüber.

DIE VOLKSABSTIMMUNG

Die SPÖ-Regierung wollte nun nicht mehr das Parlament über Zwentendorf entscheiden lassen. Am 22. Juni 1978 gab Bundeskanzler Kreisky bekannt, dass am 5. November ein Referendum über die Verwendung von Atomenergie und die Inbetriebnahme von Zwentendorf abgehalten würde. Die ÖVP und FPÖ stimmten dem zu. Die pronuklearen Kräfte gingen mit vielen Ressourcen in diese Auseinandersetzung. Die Zwentendorf-Gegner forderten mehr Zeit bis zur Volksabstimmung und kritisierten, dass keine Alternativen zur Kernenergie aufgezeigt wurden.

Kreisky glaubte an eine Befürwortung der Kernenergie durch die Wähler. Am 5. November 1978 stimmte jedoch eine knappe Mehrheit von 50,5 Prozent gegen die Inbetriebnahme von Zwentendorf. Fast zwei Drittel der Wahlberechtigten, nämlich 3,26 Millionen, gingen zur Abstimmung. Nach der Abstimmung gab es Spekulationen über Kreiskys Rücktritt.

NACH DER VOLKSABSTIMMUNG

Nur wenige Wochen nach der Abstimmung wurde am 15. Dezember 1978 im Nationalrat einstimmig das "Atomsperrgesetz" verabschiedet, das die Stromerzeugung aus Kernspaltung in Österreich verbietet. Doch insbesondere unter SPÖ-Politikern war in der Folge wieder eine zunehmend positive Haltung zur Kernenergie zu konstatieren. Im August 1979 sprach sich Benya öffentlich dafür aus, die Frage der Kernenergie neu zu überdenken und forderte eine neuerliche Volksabstimmung, was von Atomgegnern und der FPÖ aufs Schärfste kritisiert wurde. Während die ÖVP den Zickzackkurs der Regierung kritisierte, stand die Industrie hinter den Atomkraftplänen. Auf Initiative von Bürgergruppierungen wurde im Oktober 1980 je ein Volksbegehren für und gegen die Aufhebung des Atomsperrgesetzes durchgeführt. Kreisky erklärte, er würde als Person das Pro-Atomenergie-Volksbegehren unterschreiben. 422.000 Personen stimmten für, 147.000 gegen Zwentendorf. Auch Umfragen bestätigten den Trend der Bevölkerung zur Befürwortung der friedlichen Atomnutzung. Ein Initiativantrag der SPÖ für eine zweite Volksabstimmung unter Kreisky-Nachfolger Fred Sinowatz am 21. März 1985 erhielt jedoch nicht die notwendige Zweidrittelmehrheit im Parlament. Noch im selben Monat wurde die "stille Liquidierung" des AKW durch die "Gemeinschaftskernkraftwerk Tullnerfeld Ges.m.b.H (GKT)" beschlossen. Zwentendorf hat insgesamt 14 Milliarden Schilling (1,02 Mrd. Euro) gekostet, 600 Millionen (43,6 Mio. Euro) davon für die Konservierung. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986 wurde die Frage der Kernenergie in Österreich endgültig ad Acta gelegt. Seit den neunziger Jahren erfolgt die schrittweise Demontage des Kraftwerks. Um die bereits vorhandene Infrastruktur sinnvoll zu nutzen, wurde von 1981 bis 1987 das kalorische Kraftwerk Dürnrohr mit einer der modernsten Rauchgasentschwefelungsanlagen Europas errichtet.

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