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Der Fall Taras Borodajkewycz


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Am 31. März 1965 wird der 67-jährige Pensionist und frühere KZ-Häftling Ernst Kirchweger bei Ausschreitungen am Rande einer Demonstration gegen den Hochschulprofessor Taras Borodajkewycz von einem Rechtsextremisten erschlagen. Er gilt als erstes politisches Opfer der Zweiten Republik. Grund der Demo war Protest gegen Borodajkewycz. Ihm wurden antisemitische Äußerungen und sein Bekenntnis zu seiner nationalsozialistischen Vergangenheit vorgeworfen.

PRESSEKONFERENZ

Wenige Tage vor dem tödlichen Zwischenfall, am 23. März, hatte Borodajkewycz in einer Pressekonferenz die gegen ihn gerichteten Vorwürfen abzuwehren versucht: "Ich bekenne mich zu meiner Vergangenheit, ich bin freiwillig der nationalsozialistischen Partei beigetreten!" Die Vorwürfe hatten ihren Höhepunkt in einer parlamentarischen Anfrage der SPÖ-Abgeordneten Karl Mark und Stella Klein-Löw an ÖVP-Unterrichtsminister Theodor Piffl-Percevic erreicht. Die Parlamentarier forderten ein Disziplinarverfahren gegen den Professor,

Borodajkewycz gab sich unbeeindruckt. Die beiden SPÖ-Abgeordneten, die "einen Artikel von mir in der deutschen Wochenzeitschrift 'Das Parlament' mit zum Grund der Anfrage im Nationalrat gemacht haben, müssen ihn entweder nicht verstanden haben, oder geistig überfordert gewesen sein", meinte er. Und er las den Artikel selbst vor, in dem es u.a. hieß: "Es ist nur ein Teil der gesamtdeutschen Katastrophe, dass wir deutschen Österreicher zum zweitenmal innerhalb einer Generation das größere Vaterland verloren haben."

Der Unterrichtsminister lehnte ein Disziplinarverfahren übrigens vorerst ab.

KLAGEN

Die Vorwürfe gegen Borodajkewycz waren freilich nicht neu. Zahlreiche seiner Äußerungen hatten Politiker und Journalisten bereits früher öffentlich gemacht. So hatte er etwa 1956 in der Zeitschrift "Die Aktion" geschrieben: "Zu den unerfreulichsten Überresten des an Gesinnungs- und Würdelosigkeit reichen Jahres 1945 gehört das Geflunker von der 'österreichischen' Nation. Es entstammt derselben moralischen und geistigen Haltung, die die Besatzungsmächte als Befreier feierte und die dauernde Erinnerung an ihr für unser Land so segensreiches Erscheinen in der Umbenennung von Straßen und Plätzen festhalten wollte, der Haltung, die den bisherigen Ehrenkodex der Menschheit umstülpte und Feigheit, Fahnenflucht und Verrat als die wahren Tugenden des österreichischen Mannes pries." Stimmen, die solche und andere seiner Äußerungen kritisch kommentierten, deckte Borodajkewycz gerne mit Ehrenbeleidigungsklagen zu.

DEMONSTRATIONEN

Das Medienecho und der Aufruhr nach der Pressekonferenz vom März 1965 waren enorm. Telegramme mit Aufforderungen zu näheren Untersuchungen sowie der Suspendierung des ehemaligen SS- Mitglieds langten beim Unterrichtsminister ein, demokratiebewusste Studenten und empörte Bürger gingen auf die Straße.

TODESFALL

Am 31. März kam es dann zum schwersten Zwischenfall: Bei einer Großdemonstration in der Wiener Innenstadt kommt es zu Ausschreitungen zwischen Anti-Borodajkewycz-Demonstranten und Störenfrieden aus dem nationalen Lager. Dabei wird der 67-jährige Pensionist und Widerständler Ernst Kirchweger erschlagen. Kirchwegers Begräbnis am 8. April wird zu einer nationalen patriotischen Kundgebung, 25.000 Menschen begleiten seinen Sarg zum Zentralfriedhof. Der Täter, ein 24-jähriger Neonazi und Burschenschafter, wird in einem mit großem Interesse der Öffentlichkeit verfolgten Prozess zu zehn Monaten Haft verurteilt.

DISZIPLINARVERFAHREN

Borodajkewycz selbst stellte schließlich in der Hochschule für Welthandel den Antrag, gegen ihn ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Im Mai 1966 wurde er durch einen Entscheid des Disziplinarsenats der Hochschule strafweise in den Ruhestand versetzt. Er verstarb im Jänner 1984 im 82. Lebensjahr.

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