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Der Überfall auf die OPEC 1975


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Die Akte des Venezolaners Ilich Ramirez Sanchez, alias Carlos.
© APA-IMAGES/ORF Fernseharchiv/Kern
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Ein Portrait von Carlos.
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Ilich Ramirez Sanchez wurde erst 1994 im Sudan verhaftet.
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Eine Konferenz der Mitgliedsstaaten im OPEC-Gebäude in Wien.
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Iranische Vertreter während einer OPEC-Konferenz.
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Der Vorsitz der OPEC.
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Vertreter der Arabischen Emirate.
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DIE GEISELNAHME IM OPEC-GEBÄUDE

Am 21. Dezember 1975 stürmte ein sechsköpfiges Terror-Kommando kurz vor zwölf Uhr mittags eine Konferenz der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) in Wien, die über die zukünftige Preisgestaltung des Öls debattierte. Das Terrorkommando unter der Führung des Venezolaners Ilich Ramirez Sanchez alias "Carlos" nahm rund 70 Personen, darunter elf Minister bzw. Delegationschefs, als Geiseln. Erstmals hatten somit Geiselnehmer Minister in ihre Gewalt gebracht.

Das OPEC-Gebäude wurde von den Geiselnehmern mit Sprengstoff und Handgranaten abgesichert. Ein österreichischer Kriminalbeamter, ein irakischer Sicherheitsmann und der libysche Delegierte Jusuf al-Azmarly wurden getötet. Der österreichische Sicherheitsbeamte Kurt Leopolder und der später als der Deutsche Hans-Joachim Klein identifizierte Terrorist verletzten sich in einem Schusswechsel gegenseitig.

Die Terroristen erreichten, dass ihre Forderungen in französischer Sprache im Österreichischen Rundfunk übertragen wurden. Sie kritisierten die Friedenspolitik einiger arabischer Staaten gegenüber Israel, erklärten den Iran zum Agenten des amerikanischen Imperialismus und forderten die Verwirklichung der arabischen Einheit, die Nationalisierung des Erdöls und die Verwendung der Einnahmen für die Entwicklung des arabischen Volkes. Sie sprachen ihr Bedauern aus, dass sie gerade Österreich zum Schauplatz des Geschehens machen mussten.

ABFLUG VON GEISELN UND GEISELNEHMERN NACH NORDAFRIKA UND ENDE DES GEISELDRAMAS

Bundeskanzler Bruno Kreisky führte mittels des Geschäftsträgers der irakischen Botschaft Riyadh al Assawi Verhandlungen mit den Geiselnehmern mit der obersten Maxime Menschenleben zu retten. Am folgenden Tag ließen die Terroristen die in Österreich wohnhaften Geiseln frei. Den Geiselnehmern wurde im Gegenzug ein Flugzeug zur Verfügung gestellt, mit dem sie zusammen mit den 33 verbliebenen Geiseln nach Algerien und Libyen ausreisen konnten. Vor dem Abflug aus Wien gab Innenminister Otto Rösch noch in einer umstrittenen Geste Carlos die Hand.

Der angeschossene schwerverletzte Klein wurde bei der ersten Zwischenlandung in Algier in ein Krankenhaus gebracht. In Algerien wurden einige Geiseln freigelassen, am nächsten Zielort Tripolis in Libyen kamen auch die Ölminister Algeriens und Libyens frei. Erneut landete das Flugzeug am 23. Dezember 1975 in Algier. Hier wurden die beiden letzten Geiseln, der saudische und der iranische Ölminister, gegen die Zusicherung des freien Geleits freigelassen. Die Terroristen durften am 31. Dezember 1975 ungehindert nach Libyen, ins Land ihres mutmaßlichen Auftraggebers Muammar el Gaddafi, ausreisen.

REAKTIONEN

Die PLO distanzierte sich vom Überfall auf die OPEC. Israel kritisierte Österreichs Verhalten, die Bedingungen der Terroristen widerspruchslos angenommen zu haben. Der israelische Präsident Jitzhak Rabin erklärte, jeder Kompromiss würde Terroristen ermutigen. Kreisky begründete sein Nachgeben gegenüber den Terroristen, das von der OPEC-Delegation gebilligt worden war, damit, dass es bisher keine vergleichbare Situation gegeben habe und es darum gegangen sei, Menschenleben zu retten. Bezüglich der Frage der Sicherung des OPEC-Gebäudes erklärte der Bundeskanzler, die OPEC sei eine exterritoriale Organisation und habe nicht mehr Schutzmaßnahmen gefordert.

Algerien rechtfertigte die Freilassung der Terroristen mit dem Argument, damit den Wünschen der Heimatländer der Geiseln entsprochen zu haben. Die Freilassung der Geiseln sei erreicht worden, weil sich Algerien den Forderungen der Guerillas gebeugt habe.

Ilich Ramirez Sanchez alias "Carlos" wurde 1994 im Sudan verhaftet und an Frankreich ausgeliefert. Ein französisches Gericht verurteilte ihn wegen des Mordes an zwei Polizisten und eines libanesischen Informanten im Juni 1975 in Paris zu lebenslanger Haft.

Hans-Joachim Klein bezeichnete zwei Jahre nach der Geiselnahme diese als völlig sinnlos und sagte sich vom Terrorismus los. Nach über 20 Jahre im Untergrund wurde er 1999 von Frankreich an Deutschland ausgeliefert, im Februar 2001 vom Landgericht Frankfurt am Main zu neun Jahren Haft verurteilt und 2003 begnadigt. Er sagte aus, dass das Attentat zwar eine deutsch-arabische Gemeinschaftsaktion der palästinensischen Befreiungsbewegung PFLP und der deutschen Revolutionären Zellen (RZ) gewesen sei. Idee, Waffen und Informationen seien aber aus dem OPEC-Mitgliedsland Libyen gekommen. Durch die Entführung ihrer Minister habe man die Petro-Länder, so Klein, "zu mehr Solidarität mit den Palästinensern" zwingen wollen.

Die deutsche Terroristin Gabriele Kröcher-Tiedemann, die einzige Frau unter den Terroristen, wurde 1990 vom Kölner Landgericht von der Mordanklage im Zusammenhang mit dem OPEC-Anschlag freigesprochen.

© APA - Austria Presse Agentur / Laimgrubengasse 10, 1060 Wien
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