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Der Prager Frühling

Das politische Tauwetter in der Tschechoslowakei bis zum Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen am 21. August 1968


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Prager Einwohner beobachten die Panzertruppen des Warschauer Paktes, wie s ...
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Menschen umringen einen sowjetischen Panzer am Wenzelsplatz.
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Demonstration am Wenzelsplatz mit tschechoslowakischen Flaggen und Plakate ...
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Prager Einwohner informieren sich per Zeitung und Radio über Neuigkeiten i ...
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Die Einwohner demonstrieren am Wenzelsplatz.
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Ein Jugendlicher mit tschechoslowakischer Flagge vor einem brennenden Sowj ...
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Ein Mann steht inmitten des Chaos', das durch den Zusammenstoß verursacht ...
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"Man hat uns in Cierna nad Tisou verraten", riefen die Menschen, die in den frühen Morgenstunden des 21. August 1968 die Straßen der Prager Innenstadt bevölkerten. Die Meldungen der letzten Stunden hatte sie aus ihren Wohnungen getrieben - verbreitet von tschechischen Radiosendern, deren Unabhängigkeit erst wenige Monate alt war: "Verbände der sozialistischen Bruderstaaten haben die tschechische Grenze überschritten!"

Als die ersten Taxis aus den Außenbezirken wild hupend vor den einrückenden sowjetischen Panzern warnten, gingen die Warnsignale bereits im dumpfen Dröhnen schwerer russischer Transportmaschinen unter - und mit ihnen das zarte Pflänzchen der tschechischen Demokratie.

Der Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen - mit Verbänden aus Ungarn, der DDR, Bulgarien, Polen und der Sowjetunion als Kriegstreiber - stellte eine Zäsur in der Geschichte des Kommunismus dar: Zum ersten Mal wurde ein "Bruderstaat" überfallen. Gleichzeitig markierte die Besatzung das abrupte Ende der politischen und gesellschaftlichen Reformen in der - so die damalige offizielle Bezeichnung des Staates - Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (CSSR), die unter dem Namen "Prager Frühling" in die Geschichte eingegangen waren.

POLITISCHE VORAUSSETZUGEN

Seit Beginn der 1960er Jahre befand sich die CSSR in einer tief greifenden ökonomischen und gesellschaftlichen Krise: Das bürokratisch-zentralistische Planungssystem hatte zu einer dramatischen Stagnation der Wirtschaft - auch im Vergleich zu den anderen Staaten des Warschauer Pakts - geführt; die kommunistische Partei wurde von der stalinistischen Führungsspitze um Staats- und Parteichef Antonin Novotny dominiert, die eine Aufarbeitung der politischen Schauprozesse der späten 1940er und frühen 1950er Jahre nicht zuließ.

Ab Oktober 1967 reagierte die Intelligentia auf die Weigerung der KP-Spitze, dringend nötige Reformen umzusetzen - es kam zu Studentenunruhen, die vom Schriftstellerverband politisches Unterfutter erhielten. Der Druck der Straße und der sich zuspitzende Machtkampf zwischen konservativen und gemäßigten Sozialisten innerhalb der Kommunistischen Partei zwangen Antonin Novotny schließlich zum Rücktritt als Staatssekretär. An seine Stelle trat der gemäßigte slowakische KP-Führer Alexander Dubcek. Im März musste Novotny schließlich auch sein Amt als Staatspräsident zurücklegen.

DIE PHASE DER REFORMEN (JÄNNER - AUGUST 1968)

In der Folge wurden zahlreiche Kabinetts- und Parteiposten mit gemäßigten Kommunisten um Dubcek besetzt. Die neue Regierung unter Ministerpräsident Oldrich Cernik setzte sich zum Ziel, dem "Sozialismus ein neues Antlitz zu verpassen". Dieses neue Antlitz sollte liberalere Züge tragen: Im Verlauf der nächsten Wochen und Monate wurde die Pressezensur aufgehoben, die Reise- und Versammlungsfreiheit garantiert und das Recht auf freie Meinungsäußerung beschlossen. Der oberste Gerichtshof wurde mit der Aufarbeitung der politischen Säuberungen von 1949-54 betraut. Alle politischen Verfahren wurden neu aufgerollt - zahlreiche Rehabilitierungen ausgesprochen. Im wirtschaftlichen Bereich wurde das Ende der Planwirtschaft besiegelt.

Der erstarkten Öffentlichkeit gingen die Reformen hingegen nicht weit genug: Weite Teile verlangten eine grundlegende Umstrukturierung des Einparteiensystems, die auch die Zulassung demokratischer Oppositionsparteien beinhalten sollte. Unterstützt wurde sie dabei von einer liberalen Presse, die Gefallen an der neuen Emanzipation gefunden hatte und in unverhüllten Kommentaren die neue Regierung kritisierte. Parteichef Alexander Dubcek warnte die Presse noch im März 1968 vor Formen der Meinungsäußerung, "die dann nicht mehr zu lenken seien". Die Emanzipationsbestrebungen der Öffentlichkeit gipfelten im Juni 68 im "Manifest der 2.000 Worte", das von 70 namhaften Persönlichkeiten unterzeichnet wurde und eine energischere Fortführung des Demokratisierungsprozesses forderte.

AUSSENPOLITISCHE EINMISCHUNG DURCH DIE SOWJETUNION UND WARSCHAUER-PAKT-STAATEN

Dubceks Warnung war nicht aus der Luft gegriffen und beschränkte sich nicht ausschließlich auf die Sorge um den eigenen Posten. Seit Beginn der Studentenunruhen und der zunehmenden Konflikte an der Parteispitze im Herbst 1967 hatte die Sowjetunion die Lage in der Tschechoslowakei mit Besorgnis verfolgt. Bereits im Dezember 1967 war der russische Staats- und Parteichef Breschnew nach Prag gereist, um zu vermitteln. Der anschließende erzwungene Rücktritt Antonin Novotnys und seiner konservativen Parteigenossen war vom "großen Bruder" nicht begrüßt worden, wurde aber vorerst akzeptiert. Die anschließende Liberalisierung im öffentlichen und wirtschaftlichen Bereich ging den Sowjets entschieden zu weit - in der Folge spitzte sich die Kritik an Dubceks Reformen zu. Unterstützung fand Moskau bei den linientreuen tschechischen Anrainerstaaten Polen, Ungarn, Bulgarien und der DDR.

Nachdem führende tschechoslowakische Politiker mehrmals nach Moskau zitiert worden waren, spitzten sich die Ereignisse ab Juli zu: Nach einem gemeinsamen Manöver der Warschauer-Pakt-Truppen weigerte sich die russische Militärführung, ihre Truppen aus der Tschechoslowakei abzuziehen. Gleichzeitig trafen sich die Spitzen der späteren Interventionskräfte DDR, Ungarn, Bulgarien und der Sowjetunion in der polnischen Hauptstadt, um die Lage in der CSSR zu besprechen. Auch die tschechoslowakische Regierungsspitze war zum Gipfel eingeladen worden, bestand aber auf einem bilateralen Treffen mit Moskau auf tschechischem Boden. Die Ergebnisse des "kleinen Ostblockgipfels" wurden Prag im "Warschauer Brief" übermittelt: Darin heißt es unter anderem: "Die Attacken der Reaktionäre auf die tschechoslowakische Partei drohen - mit Unterstützung der Imperialisten - das Land vom Pfad des Sozialismus abzuwenden." Das Ende der Ära Dubcek war damit besiegelt.

Während der Abzug der sowjetischen Truppen aus der Tschechoslowakei weiter nur schleppend voranging, kam es Ende Juli zu einer letzten diplomatischen Initiative - dem mit Spannung erwarteten Gipfeltreffen zwischen Breschnew und Dubcek im Saal des Stadtkinos von Cierna nad Tisou (Schwarzau an der Theiss). In einer ersten offiziellen Stellungnahme nach dem Treffen versicherten die Kontrahenten, den Streit um die Linienführung der tschechischen KP beigelegt zu haben. Tatsächlich aber war die Interventionsplanung bereits im vollen Gange.

EINMARSCH DER WARSCHAUER-PAKT-TRUPPEN

Obwohl sich die Anzeichen für einen geplanten Einmarsch in den Wochen zuvor verdichtet hatten, reagierten die tschechische und die Weltöffentlichkeit völlig überrumpelt, als die Truppen des Warschauer Paktes in der Nacht vom 20. auf den 21. August die tschechischen Grenzen überrannten. Die neuralgischen Punkte wurden im Handstreich besetzt, da die tschechoslowakische Armee im Anbetracht der feindlichen Übermacht keinen Widerstand leistete und die Bevölkerung zur Ruhe aufgerufen wurde. Die russische Führung rechtfertigte den Einmarsch mit dem Vorwand, die Führung in Prag habe in einem Hilferuf nach Unterstützung gegen die imperialistischen Kräfte im Land verlangt. An dieser Erklärung wurde auch dann noch festgehalten, als die tschechische Regierung bereits heftig dementiert hatte. Am 23. August, zwei Tage nach Beginn der Intervention, wurde Staatspräsident Ludvik Svoboda offiziell zu Verhandlungen nach Moskau gerufen, an denen - zunächst nur inoffiziell - auch die in Haft gehaltenen Regierungsmitglieder um Dubcek teilnahmen. Das Moskauer Protokoll, welches drei Tage später verabschiedet wurde, beinhaltete eine Aufhebung fast aller Reformprojekte. Mit diesem Ergebnis einer faktischen Kapitulation im Gepäck kehrte Dubcek, der vorerst noch in seinen Ämtern belassen wurde, nach Prag zurück, wo er zunächst noch einmal begeistert empfangen wurde. Nach wenigen Wochen konnte jedoch die Bevölkerung der CSSR nicht mehr daran zweifeln, dass der "Prager Frühling" mit dem 21. August sein Ende gefunden hatte.

Alexander Dubcek wurde in der Folge als KP-Chef abgesetzt, 1970 wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Danach arbeitete er als Forstarbeiter in Preßburg. Nach dem Ende des Kommunismus wurde er Parlamentspräsident der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik (CSFR), wie der Staat seit 1990 offiziell hieß. 1992 starb er an den Folgen eines Autounfalls.

Ludvik Svoboda hatte im März 1968 Antonin Novotny an der Staatsspitze abgelöst. Der Armeegeneral war nie ein Sprachrohr der Reformbewegung, verurteilte aber den Einmarsch und konnte - als Veteran des Zweiten Weltkriegs von den Sowjets respektiert - dennoch im Amt bleiben. Während der "Normalisierung" verlor er zunehmend an politischem Einfluss, 1975 trat er wegen Krankheit zurück und starb 1979.

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